"Ein Lächeln für die Stadt“ Bad Hersfelds Stadtmarketingchef Matthias Glotz im Interview

18.11.2020

"Ein Lächeln für die Stadt“

Bad Hersfelds Stadtmarketingchef Matthias Glotz im Interview

Matthias Glotz ist seit dem 1. Juli Fachbereichsleiter für Stadtmarketing und Kurdirektor in Bad Hersfeld. Über die ersten Monate in Coronazeiten sprach Glotz mit Kai A. Struthoff.

Stadtmarketing in Zeiten von Corona ist ein undankbarer Job. Wie war Ihr Start in Bad Hersfeld?

Der Start war tatsächlich etwas undankbar, weil Marketing auf den Kopf gestellt wurde. Eigentlich soll ja Marketing Menschen zusammenführen und schöne Erlebnisse in der Stadt, beispielsweise bei Events kreieren. Jetzt aber mussten wir darüber nachdenken, dass Menschen nicht irgendwo hingehen. Das tut weh.

bgesagte Festspiele, abgesagtes Lullusfest, abgesagter Weihnachtsmarkt: Wie groß ist der Imageschaden für die Stadt?

Einen Imageschaden im Vergleich zu anderen Kommunen gibt es nicht, denn alle haben in dieser Zeit die gleichen Probleme. Wir haben ja auch keine Fehler gemacht. Viele Leute sind aber sehr traurig darüber, und manche fragen sich wohl auch, ob nicht doch etwas mehr möglich gewesen wäre. Wirtschaftlich hingegen ist auf jeden Fall ein Schaden entstanden – speziell für die Gastronomie, aber auch den Handel und die Hotellerie. Und die ausgefallene Konfirmation oder das weihnachtliche Gänseessen werden nicht später nachgeholt.

 

Sie bringen viel Erfahrung aus anderen Städten mit. Welche Stärken und welche Schwächen sehen Sie in Bad Hersfeld?

Natürlich die zentrale Lage. Das ist ein wirtschaftliches Pfund. Außerdem leben wir in einer sehr grünen Region, wir leben nicht so dicht beieinander, was sich jetzt in niedrigeren Coronazahlen widerspiegelt. Dabei hat die Stadt immer noch einen überörtlichen Charakter, das ist sehr wichtig für die Rolle als Wohn- und Geschäftsstandort. Im Umkreis von bis zu 30 Kilometern fehlen die großen Wettbewerber.

 Eine Schwäche ist sicher die ländliche Lage, und auch das Einkommen ist in der Region eher unterdurchschnittlich.

 

Wie wichtig sind die Festspiele für die Stadt?

Natürlich sind die Festspiele als Alleinstellungsmerkmal wichtig, aber man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass es eine Gruppe der Nutzer gibt, dann eine Gruppe von Menschen, die die Festspiele wahrnehmen, und es gibt auch Leute, die sie gar nicht besuchen. Aber Kultur ist immer ein Aushängeschild, und das lässt sich auch gut über Medien transportieren. Wichtig ist, dass die Festspiele über eine lange Zeit ein Lächeln in unsere Stadt transportieren.

 

Sie müssen zwischen vielen Interessengruppen vermitteln: Einzelhandel, Gastronomie, Stadtmarketingverein, Festspiele, Stadtpolitik – und dann ist da noch Ihr Chef, der Bürgermeister. Ist dieser Spagat zu schaffen?

 Es ist sogar ein Megaspagat, denn normalerweise bestehen geschäftliche Beziehungen nur aus zwei Leuten, zum Beispiel Käufer und Verkäufer. Im Stadtmarketing treffen aber immer viel mehr Interessen aufeinander. Deshalb ist es nötig zu priorisieren, was das Wichtigste ist und einen Konsens zu finden, auch wenn der beim Stadtmarketing oft nur klein ist.

 

Am Konsens sind die meisten Ihrer Vorgänger gescheitert ...

Stadtmarketing besteht zu einem großen Teil auch aus Scheitern. Und auch aus dem Mangel an Geduld. Es dauert eben eine Zeit, bis Strukturen, Spielregeln, Prozesse eingeübt sind. Geduld ist aber auch ganz besonders durch Corona gefragt, denn die Pandemie wirft uns um mindestens zwei Jahre zurück.

 

Rotenburg und Bebra haben in den vergangenen Jahren ein ziemlich erfolgreiches Stadtmarketing betrieben. Sehen Sie die Nachbarstädte als Konkurrenten an, oder kann man sogar gemeinsam etwas für die Region tun?

Das machen wir ja schon, zum Beispiel bei touristischen Dingen wie Rad- oder Wanderwegen und bei der Grimm Heimat Nordhessen. Wettbewerb gibt es trotzdem, nämlich dort, wo es um Wirtschaftlichkeit, Kaufkraft, Ansiedlungen geht. Aber ich halte es für falsch, eine andere Kommune als Konkurrenten zu sehen, denn jede Stadt ist anders.

 

Bad Hersfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem über die Festspiele definiert. Reicht das allein aus?

Die Festspiele sprechen eine bestimmte Klientel an, aber andere Menschen überhaupt nicht. Deshalb reicht es nicht aus, sich nur auf die Festspiele zu konzentrieren, zumal sie zeitlich begrenzt sind. Bad Hersfeld hat aber eine zweite Stärke: die zentrale Lage. Deshalb ist es ein guter Tagungsstandort und damit ein Ganzjahresthema, das man öffentlich aber gar nicht so wahrnimmt.

 

Aber warum sollte sonst jemand nach Bad Hersfeld kommen?

Ein Wettbewerb mit Städten wie Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber wird nicht funktionieren. Was gerade Städtetouristen brauchen, ist ein konkreter Reiseanlass. Und da hat Bad Hersfeld eine ganze Menge zu bieten für eine Stadt dieser Größe. Dazu gehören hier auch die Themen Kur und Reha, und eben Tagungen und die Festspiele. Die anderen Anlässe muss man sich im harten Wettbewerb der Städte teilen.

 

Welche Bedeutung hat denn die Kur für Bad Hersfeld, und wie wichtig ist das „Bad“ für die Stadt?

Sehr wichtig, denn bei „Bad“ schwingt immer der Pflegezustand eines Ortes mit, außerdem die Betonung des Themas Gesundheit. Das ist auch bedeutsam für den Wohnort. Die Zeitung „Kommunal“ hat gerade Bad Hersfeld als besonders seniorenfreundlich ausgezeichnet. Das ist wichtig, denn die Senioren stellen bald die größte Bevölkerungsgruppe. Den Titel „Bad“ dürfen wir daher nicht verlieren, auch wenn die Kur im Sinne von Wellness-Tourismus keine allzu wichtige Rolle spielt.

 

Irgendwann ist Corona hoffentlich vorbei. Welche neuen Highlights wollen Sie denn hier einführen?

Wir brauchen vor allem mehr Angebote für junge Menschen, damit auch sie diese Stadt als lebenswert ansehen. Ich bin außerdem für eine Gleichverteilung der Events von März bis Dezember. Das ist aber alles nur zu schaffen, wenn sich daran ganz viele beteiligen.

 

Zur Person

Matthias Glotz wurde 1964 in Essen geboren. Nach der Bundeswehrzeit hat er Politik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Danach arbeitete Glotz bei Mercedes Benz in der Autobranche und zehn Jahre in Wirtschaftsfachverlagen. Weitere Stationen waren das Bochum Marketing, der Deutsche Marketingverband und der Aachen Touristservice. Glotz ist verheiratet. Seine Ehefrau stammt aus Bad Arolsen, sodass es enge familiäre Beziehungen nach Hessen gibt. Seine Freizeit verbringt er gern auf Reisen oder in der Natur auf seiner Hütte in Österreich.

Quelle: Hersfelder Zeitung vom 16.11.2020

Foto: Copyright Heiko Rode